Res Strehle, der ehemalige Chefredaktor des Tages-Anzeigers, bat Baer Hill um ein mündliches Interview. Baer Hill antwortete, sie beantworte Fragen nur schriftlich. Strehle insistierte. Er liess Baer Hill wissen, dass er «als Dozent in der Journalistenausbildung stets die Studierenden gelehrt hat, dass das Interview die Hörspielform im Journalismus ist, wo es auf Spontaneität, Dialog und auch auf die transkribierte Form ankommt, die auf einem Gespräch basiert und nicht auf schriftlichen Antworten.» Zudem stellte er ihr die rhetorische Frage, ob sie sich denn «als Philosophin» nicht «für die Registrierung halbautomatischer Waffen in einem demokratischen Staat» einsetzen wolle. Hierauf sandte ihm Baer Hill folgende Antwort:

Sehr geehrter Herr Strehle

danke für Ihre Geduld. Hier nun meine Antworten. Zu den Interviewbedingungen: Ich bleibe dabei.

Seit dem Start der Unterschriftensammlung anfangs Oktober hat TA-Media es noch nicht fertiggebracht, einen Beitrag zum Thema zu veröffentlichen, der das Prädikat «unvoreingenommen» auch nur halbwegs verdiente. Ein Beispiel: Die islamistischen Terroranschläge in Frankreich und Dänemark, die die EU zur Begründung für die flächendeckenden Halbautomatenverbote für Private vorschiebt, wurden ohne eine einzige Ausnahme mit illegal beschafften Waffen verübt, und zwar grossmehrheitlich mit sowieso schon verbotenen Vollautomaten aus dem Ex-Ostblock, die durch halb Europa geschmuggelt worden waren. Auf diese Tatsache – und nein, es ist nicht unsere Meinung oder eine Vermutung, sondern eine gesicherte Tatsache – weisen wir immer wieder hin, auch in Medienmitteilungen, die auch an die TA-Redaktionen gehen. Bis heute wurde sie in der TA-Presse, aus welchen Gründen auch immer, aber konsequent verschwiegen; stattdessen wurde die EJPD-Propaganda schon x-mal wiederholt, wonach im Bataclan halbautomatische Waffen zum Einsatz gekommen seien. Dass ich vor diesem Hintergrund nur begrenzte Lust darauf habe, TA-Mitarbeitern mündlich Auskunft zu geben, wird Sie bestimmt nicht überraschen.

Zur «Registrierung von halbautomatischen Waffen», die Sie ansprechen: Erstens handelt sich dabei um eine Nachregistrierung, und eine solche wurde vom Volk am 13. Februar 2011 explizit abgelehnt; zweitens enthält die Vorlage jede Menge Bestimmungen, die ungleich schwerwiegender, folgenreicher und inakzeptabler sind als diese von Ihnen so bezeichnete, im übrigen sowohl zur Terrorbekämpfung wie auch zur Missbrauchsverhinderung absolut nutzlose «Registrierung».

Das Kernstück der Gesetzesrevision ist 1) das sofortige Verbot handelsüblicher Waffen, 2) die Einführung der Bedürfnisnachweispflicht (am 13. Februar 2011 ebenfalls abgelehnt) und 3) die Tatsache, dass sie zur Zurechtstutzung unseres Waffenrechtes an die Anfordernisse einer EU-Richtlinie erfolgte, die einen Überprüfungs- und Evaluationsmechanismus enthält, bei dem es sich de facto um einen automatischen Verschärfungsmechanismus handelt. In der Wirkung macht die Gesetzesrevision das Recht der gesetzestreuen Einwohnerin auf den Erwerb und Besitz von handelsüblichen Feuerwaffen unverzüglich zum Privileg; innert zehn Jahren ist der Einzug aller sich in Privatbesitz befindenden Halbautomaten zu erwarten.

Wer mit John Locke der Überzeugung ist, dass alle Menschen erstens gleich und frei geboren sind und zweitens kraft ihres Menschseins unveräusserliche Grundrechte besitzen, muss diese Gesetzesrevision deshalb entschieden ablehnen. Wo der Staat die gesetzliche Handhabe besitzt, einer unbescholtenen Einwohnerin Erwerb oder Besitz von handelsüblichen Feuerwaffen zu verbieten, können Grundrechte schliesslich nur mit wohlgesinnten Staatsorganen im Rücken durchgesetzt werden, sind dementsprechend also keine Rechte, sondern vom Staat gewährte – oder eben entzogene – Privilegien.

Ich danke für die Zusendung Ihres Textes vor dem Druck.

Mit freundlichen Grüssen
Josette Baer Hill

Darauf verfasste Strehle einen Artikel, der am Montag, 8. April 2019 im TA-Online erschien. Der Autor gab sein Bestes, Baer Hill so unvorteilhaft wie möglich erscheinen zu lassen. Statt ihre Antwort in kohärenter Weise wiederzugeben, verwendete er lediglich Bruchstücke; diese reicherte er mit zum Verständnis des Sachzusammenhangs irrelevanten Informationen zu Baer Hills akademischer Laufbahn sowie eigenen «Überlegungen» an. So schrieb er etwa, dass man «drei Wochen nach dem Massaker in den beiden Moscheen im neuseeländischen Christchurch nicht auf Anhieb verstehen können wird», wie man das Recht auf privaten Waffenbesitz verteidigen könne. Dass der Täter ausgerechnet die «grossen» Magazine, an welchen die flächendeckenden Waffenverbote des neuen Waffengesetzes «aufgehängt» sind, illegal beschaffte, erwähnte er in seinem Artikel nicht. Dafür präzisierte er, dass John Locke «damals keine Ahnung gehabt hatte von der Wirkung halb automatischer (sic!) Waffen.» Ob Herr Strehle damit insinuieren wollte, dass aus Locke, einem der wichtigsten theoretischen Begründer des demokratischen Rechtsstaates und «Vater» des Widerstandsrechtes gegen eine die unveräusserlichen Rechte seiner Bürger verletzende Regierung, ein Befürworter absoluter Staatsgewalt geworden wäre, hätte er die Entwicklung von Feuerwaffen voraussehen können, bei denen ein Teil der durch das Abbrennen des Schiesspulvers freigesetzten Energie dafür verwendet wird, den Repetiervorgang auszuführen? Wir wissen es nicht. Sicher ist hingegen: Um das zu thematisieren, was gerade mit der venezolanischen Bevölkerung passiert, die vor einigen Jahren totalentwaffnet wurde, reichte dem ehemaligen TA-Chef leider der Platz nicht mehr.

Vor diesem Hintergrund bleiben letztlich zwei Dinge anzumerken:

1) Unter Strehles Artikel verlinkte der Tages-Anzeiger ein Video, in welchem Redaktor Philipp Loser erklärt, «worum es bei der Waffengesetz-Abstimmung wirklich geht.» Der Zuschauer wird informiert, dass die EU ihr Waffengesetz «vor allem vor dem Hintergrund verschiedener Terroranschläge in Europa» verschärfte. Dass ausnahmslos alle diese Terroranschläge mit illegal beschafften Waffen verübt worden waren, erfährt er hingegen – einmal mehr – nicht.

2) Der beliebteste Kommentar (Stand: 10. April) zum Artikel von Herrn Strehle: «Ja, es hat einen Wandel gegeben. Als ich vor etlichen Jahren nach Absolvierung der Rekrutenschule das Gewehr nach Hause trug, hatte ich das Gefühl, Teil des Staates und Teil der Schutzmacht der Schweiz zu sein. Der Bürger war der Beschützer des Staates. Heute wird der Bürger als Bedrohung des Staates angesehen und der Bürger fühlt sich umgekehrt von Staat bedroht. Mit dem neuen Waffenrecht geht die Entwicklung noch einen Schritt weiter.»

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